Doorn, 4. Juni. (DRB)
Der ehemalige Kaiser, Wilhelm II., ist heute Vormittag, um 11 Uhr
30, im 83. Lebensjahr gestorben. Solange Wilhelm II. regierte, waren um
ihn her funkelnder Glanz und die laute Pracht, die seiner Persönlichkeit
nicht weniger als seiner fürstlichen Stellung waren; als nun sein Leben
in der Stille eines holländischen Landhauses verlosch, geschah es nach
über zwei Jahrzehnten der Einsamkeit und des Vergessens. In dieser Zeit
ist der letzte Kaiser den Blicken des Volkes ferner und ferner gerückt;
immer größer wird die Schar derjenigen, die ihn kaum anders als aus
Büchern und Erzählungen kennen. Doch der Abstand, den Zeit und Schicksal
gelegt haben, hat auch manches Verwirrende und Zufällige von seinem Bild
entfernt, und gewiß vermag man ihn bei seinem Tode klarer, gerechter,
leidenschaftsloser zu sehen als zu der Zeit, da die Kämpfe an der
Schwelle zweier Zeitalter noch seine Gestalt umtobten.
Begnadet mit vielen glänzenden Gaben des Geistes,
bewunderungswürdigem Gedächtnis und nicht ohne Instinkt für das
Wesentliche in politischen Machtentscheidungen, dazu beseelt von dem
tiefen und ehrlichen Wunsch, sein Volk glücklich zu machen – so
ist er, der Enkel Wilhelms I., nach drei Jahrzehnten der Höhe
schließlich tief gestürzt.
Am Anfang steht die harte und freudlose Jugend in seinem
Elternhause, in dem er nur noch mit Bitterkeit, ja mit Mißtrauen zu
leben vermochte, am Ende der Zusammenbruch der Monarchie. Zwischen
solchem Dunkel eingebettet liegt ein Zeit des Glanzes, der in den
letzten Jahren schon umdüstert war von den schweren Schatten des Großen
Krieges, von Sorgen und Zweifeln an sich selbst.
Aber das tiefe Gefühl von der Schicksalhaftigkeit dieses Lebens
hat seine Begründung weniger in dem äußeren Ablauf als in den letzten
Wurzeln seines Wesens gefunden.
Daß alle Anlagen des letzten Hohenzollernherrschers sich nicht zu
der gleichmäßigen Harmonie verschmelzen mochten, die seinen weniger
glänzenden Großvater zum ersten Regenten seiner Zeit gemacht hatten, daß
eine so vieldeutige und vielschichtige, schwer bestimmbare und selten
ganz enträtselbare Natur auf den Thron gelangte, daß hier seine echte,
aber unruhige Sehnsucht immer wieder zusammenstoßen mußte mit der
Realität des Daseins – das eben ist sein und unser Verdienst geworden.
Wilhelm II. hat in hunderten von Reden und mit frei geformten
Wendungen, an deren bildhafter Kraft kein Zweifel ist, seine Zuhörer und
die Nation ebensooft begeistert und befeuert wie enttäuscht und
erbittert, er hat im persönlichen Verkehr Literaten und Industrielle,
Deutsche und Franzosen, Monarchisten und Republikaner ebensooft
bezaubert und gewonnen wie verwundert und zurückgestoßen, er hat in
mancherlei politischen Entscheidungen mehr Weisheit bewiesen als seine
Ratgeber – er hat sich geweigert, nach Tanger zu gehen, und hat dafür
als Oberster Befehlshaber der Millionen deutscher Soldaten im September
1914 den leidenschaftlichen Wunsch nach jener Fahrt zur Front der
Marneschlacht geäußert, die vielleicht den Krieg hätte wenden können –
aber ihm hat dann doch die letzte Entschlußfestigkeit gefehlt, welche
allein die Einsicht auch hätte durchsetzen können. Er hat in solchen Fällen bewiesen, wie unsicher im
Letzten jenes herrscherliche Selbstgefühl, jener mystische Glaube an die
besondere Auszeichnung des Fürsten durch die Gnade Gottes gewesen ist.
Nicht ohne innere Bewegung vermögen die Nachlebenden zu sehen,
wie lange der Kaiser sich aus seiner Kindheit manch jugendliche Züge,
die rasche Entflammbarkeit und Hingegebenheit an schwer erreichbare
Ziele, die Verkennung von Menschen und Umständen, bewahrt hat. Er hat
den Frieden geliebt wie wenige, es war immer seine Sehnsucht, als
Friedenskaiser zu regieren, aber er hat nicht bedacht, daß gerade jene
Weltpolitik, die zu führen er so stolz war, das deutsche Volk in
Konflikt mit anderen Mächten führen müsse.
Nicht sein Wille, sondern stärkere Kräfte als er, starke und fast
unwiderstehliche Strömungen, von denen die ganze Welt erfüllt war, haben
schließlich während seiner Regierung den Großen Krieg entfesselt.
Er hat das Schicksal seiner Zeit ebenso bestimmt, wie er von ihr
getragen wurde; er hat Entscheidungen gefällt, die das Gesicht der Welt
mitverändert haben, aber er war zugleich im Handeln und Wesen auch das
Symbol des Zeitalters, das mit Recht das wilhelminsche heißt: Heute ist
es leicht zu sehen, wieviel Flitter in all der glanzvollen Herrlichkeit
war. Aber wer heute richten will, darf darüber den Stuck nicht
vergessen, mit dem der Bürger an seinen Häusern antikische Ornamente
vorzutäuschen suchte, den Goldschnitt seiner Klassikerbände, die er
nicht las, und die großen sozialen Worte ohne soziale Taten.
Die Zwiespältigkeit seines Willens hat Wilhelm II. nie
eindringlicher, nie folgenreicher erwiesen als in den unseligen
Novembertagen des Jahres 1918, in dem ein mächtiges Schicksal eine
mächtige Energie verlangte und nicht fand. Als der Kaiser über die
Grenze ging, erhärtete er noch einmal die Redlichkeit seines Willens,
die deutsche Nation glücklich zu machen: Ihr brachte er das schwer Opfer
seiner Persönlichkeit, denn nur um ihr den Bürgerkrieg zu ersparen, hat
er nach schwerem Gewissenskampf und nach dem Rat Hindenburgs seine
Absicht aufgegeben, seinen ererbten Thron auch zu verteidigen. Aber als
er, der die Welt erzogen hatte, in ihm das Sinnbild des monarchischen
Gedankens überhaupt zu sehen, nun als gebrochener und müder Mann im
Kraftwagen über die Grenze fuhr, hat er dennoch gerade durch diese
Handlung bewiesen, wie schwach und krank der Glaube an die immanente
Macht des Königtums bereits in ihm geworden war. Als er die Grenze
überschritt, nahm er den Mythos des Kaiserreichs mit sich hinüber.
An diesem Tage zerbrach etwas in Deutschland, das nicht wieder
neu zu bauen ist.
Seit dem November 1918 ist die Einsamkeit um den Kaiser gewesen.
In dieser Zeit ist Wilhelm II. ein stiller Mann geworden. Er hat es
durch Ritterlichkeit der Gesinnung erleichtert, daß heute die Nation im
Geiste der Versöhnlichkeit von ihm scheidet und daß sie noch einmal
stärker als je die Schwere dieses Schicksals empfindet, das dem Kaiser
viele glänzend Gaben des Geistes verlieh, nur um ihm die letzte, die
stetige Sicherheit zu versagen, und das ihn auf die Höhe des Daseins
stellte, um ihn so gewisser in die Einsamkeit zu stürzen.
Am Todestag von Wilhelm II. veröffentlichte die
Frankfurter Zeitung, die Vorläuferin der heutigen Frankfurter
Allgemeinen Zeitung (FAZ), einen bewegenden Nachruf auf Wilhelm II.
Er ist insofern bemerkenswert, da es dem namentlich unbekannten
Autor gelang, eine gewisse Sympathie für den verstorbenen Kaiser nicht
verhehlen zu müssen obwohl die gleichgeschaltete Presse der NS-Zeit
eigentlich strikt monarchiekritisch zu sein hatte.
Die Frankfurter
Zeitung hatte sich als einzige überregionale Zeitung eine gewisse geistige
Unabhängigkeit bewahren können, wurde jedoch 1943 auf Veranlassung Hitlers
verboten.