Der Tod Kaiser Wilhelms II.
N.N.
Der folgende Bericht stammt von einem bisher unbekannten Autor und ist eine Abschrift aus einem Privatbrief aus dem Jahre 1941, dem Todesjahr des Kaisers.
un komme ich endlich dazu, Ihnen einmal im Zusammenhang
etwas zu schreiben über das Ende und die
Beisetzung unseres so schnell heimgegangenen Kaisers. Allerdings nicht als Augen- und Ohrenzeuge, wohl
aber nach Erzählungen von Zeugen und Teilnehmern,
die nun aus Doorn zurückgekehrt sind. Es wird Ihnen
wohl tun, dass ich zwei Tatsachen an die Spitze stellen
kann, über die auch ich herzliche Genugtuung empfinde: Der Kaiser ist, wie sich die Kaiserin Hermine
ausdrückte, als wahrer Christ und Soldat, tapfer und ergeben, liebevoll bis zuletzt in die Ewigkeit gegangen.
Die zweite Tatsache betrifft seine Beisetzung: alles,
was ich von den verschiedensten Seiten darüber hörte,
stimmt darin überein, dass diese Feier von höchster
Würde war. Die Teilnehmer waren von ihr geradezu
erfüllt.
Über die letzte Zeit des Kaisers hatte ich Ihnen bereits persönlich einiges mitgeteilt. Was ich weiter erfuhr, ist eine Ergänzung in manchem Punkte.
Jener plötzliche Schwächeanfall vom 1. März [1941] (ich sprach davon schon früher) war also wirklich der Anfang vom Ende. Dieser Anfall war nur kurz gewesen. Man meint, dass vielleicht der Witterungsumschlag dabei einen ungünstigen Einfluss geübt hätte. Besorgniserregende Anzeichen konnte der Leibarzt Dr. Saar jedoch nicht feststellen. Als sich Dr. Saar verabschiedete, brach Dr. Saar plötzlich vor den Augen des Kaisers zusammen, von einem Schlaganfall betroffen. Man brachte ihn sofort in das Krankenhaus nach Utrecht, wo er noch heute liegt und noch nicht die Sprache wiedergefunden hat. Auf den Kaiser machte dieser Vorfall einen sehr starken Eindruck. Indessen besserte sich aber sein Zustand wieder. Da trat in der zweiten Hälfte des Mai eine Wendung ein. Der Kaiser konnte nicht mehr in seinen geliebten Park gehen und die wundervolle Blütenpracht draußen nicht mehr genießen. Wahrscheinlich begünstigt durch den Mangel an Bewegung nahm ein Darmleiden, das sich eingestellt hatte, seinen Verlauf. Endlich rief Kaiserin Hermine die Familie herbei.
Die Kinder kamen, um bei dem Kranken nicht aufzufallen,
einzeln, als Pfingstbesuch. Am 27. [Mai] trat eine überraschend
deutliche Besserung ein, so dass die Seinigen
beruhigt wieder abreisen konnten. Nur die Herzogin
Victoria Luise, die so lange nicht in Doorn war, wollte
bei ihrem Vater bleiben. Am 3. Juni vormittags konnte
von weiteren Fortschritten berichtet werden. Natürlicher Schlaf und Nahrungsaufnahme hoben sich. Alle glaubten, dass
der Kaiser nunmehr langsam seiner Genesung entgegengehe. Aber an diesem
selben Tage abends, 6 Uhr, meldeten sich ganz unvermittelt überaus
bedrohliche Anzeichen. Sehr schmerzhafte Atembeschwerden stellten sich
plötzlich ein. Die Temperatur stieg. Kaiser Wilhelm musste nun damit
rechnen, dass sein Ende nahe sei. Er ließ durch die Krankenschwester die
Kaiserin ans Bett rufen, und nun nahm der Kaiser ganz in der alten feinen
ritterlichen Weise, mit der er im Leben immer den Frauen gegenübertrat,
Abschied von seiner Gemahlin und dankte ihr für alles, was sie ihm in den
nunmehr 18 Jahren seiner zweiten Ehe gegeben habe. Als dann seine Tochter, die Herzogin Victoria Luise ans Bett trat, war der Kaiser schon in
Bewusstlosigkeit verfallen. Siebzehn Stunden lebte er noch, ohne jedoch noch
einmal zum Bewusstsein zu kommen. In diesen bangen Stunden blieb Herzogin
Victoria Luise dauernd bei ihm und ließ die Hand nicht von seinem Pulse. Am Mittwoch, dem 4.Juli vormittags um 11.30 Uhr, verschied der Kaiser
infolge einer Lungenembolie. Er starb, so erzählte sein Flügeladjutant Graf
v. Moltke, im festen Glauben an den Erlöser. Sein letzter Gedanke galt dem
heiß geliebten Vaterland.
Über die Beisetzung konnte ich mit verschiedenen
Teilnehmern an der Feier sprechen.
Der Kaiser hatte selbst darüber verfügt,
dass er zunächst in der kleinen Kapelle im Park beizusetzen sei. Zugleich
hatte er einen Platz bestimmt, auf dem später eine kleine Gruftkapelle
errichtet werden soll. Es ist dies ein schön gelegenes Plätzchen, denn unter
seinen Bäumen, inmitten seiner Blumenanlagen wollte er einmal liegen. Für die nächsten Angehörigen
und die Nächstbeteiligten stand auf dem Potsdamer Bahnhof in Berlin am
Sonntag, den 8. Juni, abends 7.05 Uhr, ein Sonderzug bereit, dem, von
Stettin kommend, ein dem Generalfeldmarschall von Mackensen gestellter
Salonwagen angehängt war. Unterwegs hatte der Zug wegen Fliegeralarm bei
Hagen eine Stunde unfreiwillig Aufenthalt. Frühmorgens kam der Zug in
Utrecht an. In bereitstehenden Kraftwagen wurden die Herrschaften sofort
nach Doorn gebracht. Eine große Menschenmenge säumte dort die Straßen.
Es
war ein trauriger Einzug in Haus Doorn. Im Esszimmer stand der Sarg, bedeckt
mit der Kaiserstandarte, inmitten einer Fülle kostbarster Kränze und Blumen
aufgebahrt. Die Söhne und Enkel des Kaisers bildeten eine Ehrenwache um den
Sarg. Allmählich fanden sich die anderen Damen und Herren der Familie hier
zusammen. Rechts vom Sarge saßen die Kaiserin Hermine und die Prinzen und
Prinzessinnen des Königlichen Hauses, auf der anderen Seite u. a. Feldmarschall von Mackensen, Offiziere
als Vertreter des Königs von Bulgarien und des ungarischen Reichsverwesers
v. Horty. Alle anderen Gäste versammelten sich im Vestibül, darunter auch
der General d. J. Reinhard, der für den Reichskriegerbund gekommen war
(dafür fanden in den Kriegervereinen, wie ich wieder von anderer Seite
hörte, keine Gedenkfeiern statt). Ich selbst kann diese Angaben nicht
feststellen. Punkt 11 Uhr begann die Trauerfeier, die sehr kurz und sehr
schlicht war.
Hofprediger Dr. Doehring sagte nach einer ganz kurzen Einleitung, dass der Kaiser bestimmt habe, dass über ihn selbst nichts gesagt werden dürfe, dass allein Gottes Wort zu der Trauergemeinde sprechen solle, und zwar durch eine Reihe von Bibelstellen, die Seine Majestät selber festgelegt habe. Diese Schriftverlesungen nahm Dr. Doehring nunmehr vor. Ich hätte sie Ihnen gern hier angegeben, aber auf meine Bitte an Herrn Dr. D. habe ich bis jetzt keine Antwort erhalten können. Mit Gebet schloss die Feier.
Nunmehr wurde der Sarg hinausgetragen. Der Kaiser verließ für immer das Haus, das ihm so viele Jahre Heim gewesen war, Heim in
der Fremde. Über die bekannte Freitreppe hinunter ging es. Man hob den Sarg
auf den Kraftwagen des Kaisers. Das unter dem Befehl des Obersten v.
Gersdorff aufmarschierte Ehrenbataillon aus allen drei Wehrmachtteilen
präsentierte und die
Musik stimmte den alten Choral an: »Jesus meine Zuversicht und mein Heiland
ist im Leben« Dann bildete sich der Trauerzug und der Wagen, begleitet von
einer großen Schar, fuhr den alten Herrn die letzte Fahrt zur ewigen Ruhe.
Die Spitze des Zuges bildete Admiral Eschenburg. Dann folgten 4 Soldaten mit dem riesigen Führerkranz aus
Maiglöckchen und weißen Rhododendron, dann die Kränze der Kaiserin und des
Kronprinzen und der übrigen Familienmitglieder. Ferner die Kränze der
Oberbefehlshaber der drei Wehrmachtsteile, des Chefs des Oberkommandos der
Wehrmacht, der verschiedenen Abordnungen, der Dienerschaft (einige der
ältesten Getreuen unter ihnen waren gekommen) usw. Hierauf folgte General
Graf v. d. Goltz, der den Marschallstab des Kaisers trug, dann der
langjährige Flügeladjutant, der dem Kaiser bis zum Tode zur Seite gestanden
hat, Graf Moltke, mit dem großen Ordenskissen. Dahinter Hofprediger Dr.
Doehring, dann der Wagen mit dem Sarge, neben dem der alte Leibdiener
schritt. Den Zipfel des Bahrtuches hielten: der Generalbevollmächtigte des
Königlichen Hauses, General v. Dommes, der Flügeladjutant, Major Frhr. v.
Sell, der frühere Flügeladjutant, Oberstlt. Hönes, Flügeladjutant Hauptmann
v. Ilsemann.
Unmittelbar hinter dem Sarge schritten der Kronprinz mit der
Kaiserin, denen sich der engere Familienkreis anschloss. Prinz Adalbert führte die Herzogin Victoria-Luise, Prinz Eitel Friedrich die
Kronprinzessin, Prz. August Wilhelm die Landgräfin von Hessen (die letzte
noch lebende Schwester des Kaisers), Prz. Louis Ferdinand die Prinzessin
Cecilie, Prinz Oskar die Prinzessin Heinrich, Schwägerin des Kaisers, Herzog
Ernst August die Prinzessin Kyra, Prz. Franz Josef die Prinzessin Waldemar,
Prz. Hubertus die Prinzessin Biron von Kurland (Tochter des Prinzen Oskar,
Herzeleide), Prinz Burchard die Prinzessin Christoph, Prz. Welf Heinrich die
Frau Erbprinzessin Salm. Ferner sah man den Fürsten von Hohenzollern, den Prinzen Friedrich Karl, von den Kindern
der Kaiserin Hermine deren jüngste Tochter Prinzessin Henriette (Gemahlin
des Prinzen Franz Josef) und Prinz Hans Georg von Schönaich-Carolath. Auch
das Haus des Grafen Bentink war vertreten, das dem Kaiser einst in Holland
zuerst seine Pforte aufgetan hatte. Die Frau Prinzessin Oskar konnte an der
Feier nicht teilnehmen, da sie sehr krank in Blankenburg (Harz) liegt. Die
Ortsgemeinde Doorn, die immer in angenehmsten Beziehungen zu Kaiser Wilhelm
stand, war durch ihren Bürgermeister, Dr. Nagel, vertreten. Die Gemeinde
hatte als letzten Gruß die Grabenbrücke im Hause Doorn, die der Trauerzug
passierte, mit Blumen schmücken lassen. Hinter der Familie ging Dr.
Seyß-Inquart, der Vertreter des Führers, der deutsche Gesandte Dr. Bene,
Generalleutnant Reuter, Generalfeldmarschall v. Mackensen in seiner alten
Husarenuniform.
Dann folgten die Vertreter der Oberbefehlshaber der
Wehrmachtsteile, Gen. d. Fl. Christiansen (f. d. ObdL. Adm. Densch (f. d.
Ob. d. Kr.Mar.), Gen. Ob. Haase (f. d. Ob. d. H.), Adm. Canaris (f. d. Chef
des Obkdos d. W.). Diesen folgten die Herren des alten Heeres und der alten
Marine und viele andere Trauergäste, auch viele Holländer. Während des
Trauerzuges spielte die Musik »Wenn ich einmal soll scheiden, dann Harre
meine Seele«.
An der Kapelle empfing den Zug das Ehrenbataillon und die
Musik ließ das alte Lutherlied »Ein feste Burg ist unser Gott« erklingen, in
das die ganze Versammlung einstimmte. Wiederum traten die Söhne und Enkel in
die Kapelle und bildeten die Ehrenwache. Der Kronprinz trat mit Ihrer
Majestät und dem Generalfeldmarschall v. Mackensen ebenfalls ein und dann
nahm Hofprediger Dr. Doehring die Aussegnung vor. Danach griff er eine
goldene Schale mit deutscher Erde gefüllt und schüttete sie über den Sarg
des in der Fremde gestorbenen Deutschen Kaisers. Es war Potsdamer Erde und
Dr. Doehring brachte sie als einen Gruß der im Tode vorangegangenen Kaiserin
Auguste Victoria. Mein Freund, der mir diese Scene erzählte, fügte hinzu, es
sei dies für ihn und alle, die es sahen, der ergreifendste Vorgang gewesen
und in vieler Männer Augen blitzten Tränen. Auch als im Hause der alte
Mackensen vortrat, den Sarg seines alten Preußenkönigs und kaiserlichen
Herrn zärtlich streichelte, war alles auf das Tiefste ergriffen. Der
Marschall blieb in stillem Gebete vor dem Sarge. Draußen vor der Kapelle
erklang die Retraite, sie schloss mit dem Choral »Ich bete an die Macht der
Liebe«.
Und damit war die Feier für Kaiser Wilhelm II. beendet, schlicht, militärisch kurz, preussisch sachlich, und doch von hoher Würde. Die Truppe marschierte ab mit dem Yorkschen Marsch. Dann begaben sich die Trauergäste ins Haus zurück, wo die kaiserliche Familie die Beileidsbekundungen entgegennahm.
Der Sonderzug verließ am Abend wieder Utrecht und traf nach einer 2. Reisenacht pünktlich wieder in Berlin ein. Park und Gärten von Haus Doorn lagen in unbeschreiblicher Frühlingsherrlichkeit. Über der ernsten Feier strahlte in ungetrübter Schöne der blaueste Himmel … Hohenzollernwetter! … Kaiser Wilhelm ruht aus.
(Abdruck mit freundlicher Genehmigung der
Gesellschaft für Wilhelminische Studien e.V.)
Eberhard Straub über das Begräbnis Wilhelms II.
„Trotz einiger Uniformen und Würdenträger der alten Zeit und der neuen Ära [III. Reich] handelte es sich um das Begräbnis eines aufrechten Christen, der auf Gott als seine feste Burg vertraute und nicht auf
den Führer hin zu einem neuen, heidnisch-gottlosen Deutschland.In schlichten Formen wurde Wilhelm II. bestattet, der in ein Reich hinüberwechselte, in dem alle gleich sind. Nicht der Kaiser, der König, Herzog oder Markgraf wurde noch einmal gewürdigt und gefeiert. Es war der Sünder, der nun in den splendor veritatis eintrat, in den Glanz der Wahrheit, wie der König und Kaiser Wilhelm II. zuversichtlich hoffte.“
Dr. Eberhard Straub
in „Kaiser Wilhelm II. in der Politik seiner Zeit. Die Erfindung des Reiches aus dem Geist der Moderne“, Berlin 2008, S. 332
