Der Kaiser in der Kritik:
Wilhelm II. und der Nationalsozialismus
Die Kritik am Kaiser
Im dritten Band seiner Biographie über Wilhelm II., erschienen im Herbst
2008, stellt John C. G. Röhl die Frage: „Wie hielt es Kaiser Wilhelm II.
mit dem Nationalsozialismus?“ und vermutet, daß die „Quellen keine
beruhigenden Antworten enthalten“ würden.[1]
Auf 27 (von 1.326) Textseiten
lesen wir dann, daß der Kaiser die NS-Bewegung unter dem Aspekt der
Wiedererrichtung der Monarchie bewertet und die deutschen Erfolge bei der
Beseitigung des Versailler Vertrages sowie die militärischen Siege über
Polen und Frankreich begrüßt habe. Als Belegstellen für Wilhelms Nähe zum
Nationalsozialismus präsentiert Röhl vor allem die Briefe Wilhelms an seine
Schwester, die Landgräfin Margarethe von Hessen, die Eskapaden seines Sohnes
August Wilhelm, der der NSDAP beitrat, sowie die Äußerungen seiner zweiten
Frau Hermine, die Hitler offenbar sehr verehrte.
Wilhelm II. am 7. September 1933
Die Tatsachen
Das Thema Wilhelm II. und der Nationalsozialismus könnte man mit dem
Hinweis auf das fortgeschrittene Alter des Kaisers und den Zeitgeist, der
auch vor ihm nicht haltgemacht hatte, abtun oder, was die Zeit der Weimarer
Republik betrifft, darin eine naive Suche nach Bundesgenossen zur
Wiedererrichtung der Monarchie sehen.
Statt dessen reiht sich Röhl mit
seiner Methode, private Briefe als öffentliche Sendschreiben zu behandeln,
in die Phalanx derer ein, die Wilhelm II. für den Nationalsozialismus
mitverantwortlich machen wollen. Da sich diese Beziehung durch die Quellen
nicht decken läßt, gibt es in der Literatur, ob Wissenschaft oder
Feuilleton, vor allen Dingen Andeutungen: „Der Mann, der sich für das
Werkzeug der Vorsehung hielt, war hoffnungslos überfordert, eitel und
anmaßend, ein ewiger Leutnant, und am Ende ein nationalistischer Kindskopf.
Aber ein Hitler war er nicht.“[2] Was im ersten Moment wie ein Freispruch
klingt, ist ein geschickter Versuch, eine Ahnenreihe herzustellen: Wilhelm
II. war nicht Hitler, aber er steht ihm so nahe, daß man auf die Idee kommen
könnte, es handle sich um ein und dieselbe Person. Jedoch könnten Person als
auch Weltanschauung kaum unterschiedlicher sein.
Weltanschauung ist die „eine Person beherrschende Art der Selektion
und Gliederung, in der sie die puren Weisheiten der physischen, psychischen
oder idealen Dinge faktisch in sich aufnimmt, gleichgültig ob und wie sie
dies reflexiv weiß oder nicht.“[3] Sie bestimmen das Handeln des Menschen
und sind damit Ausdruck der Persönlichkeit. Wilhelm II. und Adolf Hitler,
der für die Weltanschauung des Nationalsozialismus zweifellos die
maßgebliche Instanz ist, waren Personen des öffentlichen Lebens, so daß das
was sie öffentlich sagten, auch im Hinblick auf die momentane Wirkung
sagten. Dennoch lassen sich bei beiden weltanschauliche Kerngedanken
herausstellen, die für ihr Denken und Handeln maßgeblich waren. Für
Hitler lauteten diese:
Revolution, Partei, Volksgemeinschaft und Rasse.
Für Wilhelm II.: Dynastie, Staat, Hierarchie und
Gott.
Hitler selbst sprach von der „völkischen Weltanschauung“, deren
organisatorische Erfassung das Programm der NSDAP sei.[4] Er bewertete
historische Revolutionen positiv und sprach der Revolution von 1918 die
Eigenschaft einer solchen ab. Eine führende Position war für ihn nur auf
diesem Wege zu erlangen. Aus diesem Grund wurde beispielsweise seine
Abneigung gegen das faschistische Italien und das Franco-Spanien immer
größer. In diesen Ländern hatte keine Revolution stattgefunden, die alten
Eliten, König, Kirche und Militär bestimmten weiterhin das Geschehen. In
Spanien hätten sich ausgerechnet die „Pfaffen und Monarchisten, die auch
die Todfeinde des deutschen völkischen Aufbruchs seien“[5]
zusammengefunden. Hitler ersetzte den Staat in leninistischer Manier durch
die Partei. Der Staat hat keine selbständige Bedeutung mehr, sondern „er ist
auch nur ein Mittel zur Volkserhaltung“[6].
Da Hitler legal, auf demokratischem Wege zur Macht gekommen war, hielt er an
der Legitimation durch das Volk, in Form von Abstimmungen und Kundgebungen,
fest. Ein zentraler Gedanke war der der Rasse und der sich daraus ergebenden
Konsequenz eines naturalistischen ewigen Kampfes der höheren gegen die
minderwertigen Rassen, in dem jedes Mittel erlaubt ist.
Hitlers Judenhaß hat mit dem Vorkriegsantisemitismus
nichts zu tun.[7]

Demgegenüber kann man bei Wilhelm II. von einer Grundkonstellation
ausgehen, die sich als „dynastische Weltanschauung“ umschreiben läßt. Als
Nachfahre des Großen Kurfürsten und Friedrich des Großen war sich Wilhelm
über seine Verantwortung der Vergangenheit gegenüber bewußt. Er konnte sich
maximal Modifizierungen des Jetztzustandes vorstellen, eine Revolution mußte
er ablehnen, weil sie sich gegen ihn selbst als Repräsentant der
überlieferten Ordnung richten würde. „Ich war und bin für einen
fortschreitenden Konservativismus, der das Lebensfähige konserviert, das
Überalterte abstreift und das brauchbare Neue annimmt.“[8]
Zu dem unveräußerlichen Bestand gehörte der Staat, ohne den Herrschaft nicht
möglich zu sein schien, der den Rahmen für eine gerechte Herrschaft bildete.
In diesem Staat gab es eine beinah ständisch gegliederte Gesellschaft, in
der ein jeder seinen Platz hatte. Die sozialen Grenzen waren fest, gewährten
aber eine leistungsorientierte Durchlässigkeit. Die Ordnung mit all ihren
Facetten war gottgewollt. Mit Gott war bei Wilhelm II. nicht eine Leerformel
wie Schicksal oder Vorsehung gemeint, sondern der persönliche Gott des
Christentums.
Wilhelm II. interpretierte den Nationalsozialismus anfangs allerdings zeitweise
falsch, indem er Nebensächlichkeiten zur Hauptsache erklärte und an ihm
zumindest begrüßen konnte, daß der NS die Weimarer Republik abschaffen
wollte, was damals über viele Parteigrenzen hinaus Konsens war. Daß es noch
etwas anderes außer Parlamentarismus und Monarchie geben könnte, wollte sich
Wilhelm nicht vorstellen. Nach 1933, als die Möglichkeit hätte Wirklichkeit
werden können, war schnell klar, daß es keine Gemeinsamkeiten geben würde.
Die programmatische Rede Hitlers am 30. Januar 1934 interpretierte Wilhelm
als „Kriegserklärung an das Haus Hohenzollern und das deutsche Kaisertum“[9].
Hitler wollte die Monarchie nicht wieder einführen, verbot die
monarchistischen Verbände und liquidierte am 30. Juni 1934 Teile der
konservativen Elite. Die Zeugnisse von Hans Blüher und
Reinhold Schneider zeigen deutlich,
wie Wilhelm die Bewegung nach 1934 einschätzte und er sich keinen Illusionen
mehr hingab, was seine Wiedereinsetzung als Kaiser betraf.[10] Wilhelm II. lag,
abgesehen von dieser kurzzeitigen Hoffnung, auf der Linie Spenglers, der im
NS unfähige Emporkömmlinge („Flachköpfe“) zur Macht gelangen sah.[11]

Hitler distanzierte sich zunächst öffentlich vom Kaiser: „Ob wir
tausendmal gegen die Regierungsart Wilhelms II. aufgetreten sind, für die
Marxisten gelten wir dank ihrer Lügenpresse als reaktionäre Monarchisten
(…).“[12]
Erst als Hitler die Nähe zu Hugenberg suchte und sich zur
Legalität bekannte, entstand ein pragmatisch bestimmtes Verhältnis. Aus
strategischer Rücksichtnahme ließ er es nicht zum Konflikt kommen. Auf die
Hoffnungen des Kaisers ließ er ausweichende Antworten ausrichten, in Mein
Kampf behandelte er ihn recht milde und wirft ihm lediglich vor, die
Herrschaft des Geldes, die in Hitlers Augen allerdings den „rassischen
Verfall“ besiegelte, befördert zu haben: „Seine Majestät der Kaiser handelte
unglücklich, als er besonders den Adel in den Bannkreis des neuen
Finanzkapitals hineinzog.“[13]
Nach Rosenberg ist der „alte Nationalismus tot“.
Er zerbrach am 9. November 1918, „als seine Träger und Vertreter vor einigen
Haufen Deserteuren und Zuchthäuslern davonliefen.“[14]
Hitler entschied sich in dieser Phase lieber für einen Freund als einen Gegner mehr, zumal der Kaiser
durchaus noch über eine Anhängerschaft verfügte. Nach der Machtergreifung freilich
gibt es für Hitler keinen Grund zur Rücksichtnahme mehr und er macht aus
seiner Ablehnung einer Restauration keinen Hehl.
Angesichts der Unterschiede zwischen den Weltanschauungen des NS und Wilhelms II. und ihrer gegenseitigen Ablehnung muß die immer wieder suggerierte Nähe zwischen beiden verwundern. Folgende Annahmen liegen dieser Behauptung zu Grunde.
1. Innerhalb der NSDAP gab es Kritik an Hitler, die sich nach dessen „Rechtsschwenk“ äußerte und Hitler vorwarf, die Revolution an die Reaktion zu verraten. 1931 erschien unter dem Pseudonym Weigend von Miltenberg (hinter dem sich der Nationalbolschewist Herbert Blank verbarg) das Buch Adolf Hitler – Wilhelm III., das dieser Haltung Ausdruck verlieh und bis 1932 vier Auflagen erlebte.
2. Der „Tag von Potsdam“ am 21. März 1933 wurde von den Nationalsozialisten als Stabübergabe des alten Reiches an das neue inszeniert, was von Wilhelm II. repräsentiert wurde. Dieser war allerdings nicht anwesend, sein Stuhl blieb leer.
3. Seit Ausbruch des Zweiten Weltkriegs lautete eine Strategie des NS, eine Kontinuität zum Ersten Weltkrieg herzustellen und den Zweiten dadurch zu rechtfertigen: „Pausenlos wiederholten die Nationalsozialisten Motive und Visionen des wilhelminischen Imperialismus, die für eine Kontinuität des deutschen Geschichte von Wilhelm II. zu Hitler zu sprechen schienen.“[15]
4. Der Tod des Kaisers 1941 gab den Nationalsozialisten Gelegenheit, zwischen dem Abstieg des Kaisers seit 1918 und dem Aufstieg Hitlers einen Zusammenhang zu konstruieren. Hitler plante angeblich, die Beerdigung des Kaisers in Berlin vorzunehmen, um sich als Nachfolger zu inszenieren.[16]
5. Das Ausland nahm diese Interpretation dankbar auf: Hitler und Wilhelm II. waren dabei austauschbar. Deutschland wurde an beiden Weltkriegen die Alleinschuld gegeben, in den Deutschen so etwas wie eine angeborene Kriegslüsternheit und Freude an der Tyrannei über Europa ausgemacht. So ließ sich die Linie von Wilhelm II. zu Hitler leicht ziehen, und deshalb wurde 1947 Preußen beseitigt.
6. Hitler gilt bis heute, obwohl eingehende Untersuchungen, wie die von Zitelmann, das Gegenteil unwidersprochen belegt haben, als rechts. So besteht für die heutige Geschichtswissenschaft die Möglichkeit, beide, denn Wilhelm II. war nach heutigen Maßstäben zweifellos rechts, in eine politische Ecke zu stellen.
7. Nach marxistischer Auslegung sind Faschismus und NS (zwischen denen nicht differenziert wird) eine Reaktion der herrschenden Schichten, wenn ihre Herrschaft in Frage gestellt wird: „Faschismus ist die offene terroristische Diktatur der reaktionärsten, am meisten chauvinistischen, am meisten imperialistischen Elemente des Finanzkapitals.“[17]
Fazit
Die Konstruktion einer enger Beziehung oder gar weltanschaulichen
Übereinstimmung zwischen Wilhelm II. und dem Nationalsozialismus bzw. Adolf
Hitlers liegt demnach mangelndes Differenzierungsvermögen zugrunde,
das dem Historischen Materialismus verhaftet ist, der Selbstinterpretation
Hitlers folgt und das Selbstverständnis Wilhelms II. ignoriert.
(Dr. Erik Lehnert)
[1]
John C. G. Röhl: Wilhelm II. Der Weg in den Abgrund 1900-1941, München 2008, S. 1298
[2] Michael Stürmer: Kaiser Wilhelm II. reizt die Deutschen wieder. In: Die Welt vom 27. September 2008
[3] Max Scheler: Formalismus in der Ethik (1913/16), in: ders.: Gesammelte Werke II, S. 306
[4] Claus-E. Bärsch: Die politische Religion des Nationalsozialismus, München 1998, 269f.
[5] Hitler am 7. Juni 1942, zitiert nach: Rainer Zitelmann: Hitler. Selbstverständnis eines Revolutionärs, München 1998 (4. Auflage), S. 486
[6] Alfred Rosenberg: Der Mythus des 20. Jahrhunderts, München 1942, S. 526
[7] Vgl. Thomas Nipperdey: Deutsche Geschichte 1866-1918, Band II, München 1992, S. 309f.
[8] Kaiser Wilhelm II.: Ereignisse und Gestalten aus den Jahren 1878-1918, Berlin 1922, S. 94
[9] Röhl a.a.O. S. 1313
[10] In: Samt und Stahl. Kaiser Wilhelm II. im Urteil seiner Zeitgenossen, Berlin 2006, S. 347-394
[11] Oswald Spengler: Jahre der Entscheidung, München 1933, S. 136
[12] Hitler am 17. Februar 1922. Zitiert nach: Zitelmann a.a.O. S. 452
[13] Adolf Hitler: Mein Kampf, München 1939, S. 256
[14] Rosenberg a.a.O. S. 215, vgl. ebd. S. 540
[15] Hans-Ulrich Thamer: Verführung und Gewalt. Deutschland 1933-1945, Berlin 1994, S. 628
[16] Vgl. Samt und Stahl a.a.O. S. 35f.
[17] Georgi Dimitroff im Dezember 1933, zitiert nach: Hans-Helmuth Knütter: Die Faschismus-Keule. Das letzte Aufgebot der deutschen Linken, Frankfurt am Main/Berlin 1993, S. 17
