Wer war der Kaiser?
Röhl, Clark, Straub
drei kontroverse neue
Bücher über Wilhelm II.
Wie fühlt sich das an, wenn man sein Leben dem Nachweis der
Bösartigkeit des letzten deutschen Kaisers gewidmet hat, in 20 Jahren
eine dreibändige (mehr als 4000 Seiten umfassende) Biographie
veröffentlicht und dennoch seine These nicht überzeugend belegen kann?
Der dritte und letzte Band der Wilhelm-Biographie von John C. G.
Röhl (Wilhelm II. Der Weg in den Abgrund 1900-1941,
München: C.H. Beck 2008. 1611 S., 49.90 €) steht daher wie ein trauriges Monument einer letztlich erfolglos
gebliebenen Verbrecherjagd da. Kein Historiker dürfte den Kaiser genauer
kennen (wer hat schon alle Briefe vom, an und über den Kaiser gelesen?),
und dennoch sticht sein Trumpf des Wissens nicht, weil Röhl offenbar
fleißiger Sammler und geduldiger Schreiber ist, doch nur über eine schwach
ausgebildete historische Vorstellungsgabe verfügt. Röhls These war, daß
Wilhelm so etwas wie der „Vorbote Hitlers“, die „Nemesis der
Weltgeschichte“ war. Im letzten Band, in dem sich ja die härtesten Fakten
für diese These finden müßten, werden die Aussagen undeutlich,
insbesondere dann, wenn es um die Vorläuferschaft zu Hitler geht. Am Ende
ist Röhl klammheimlich selbst von seiner These abgerückt allerdings ohne
sie zu widerrufen.
Und weil diese These alles so schön erklärt, wird sie
auch weiterhin die populärwissenschaftlichen Darstellungen in den Medien
bestimmen.
Anläßlich des 150. Geburtstages Wilhelm II. (27. Januar 2009) und 90
Jahre nach dem Ende des Ersten Weltkriegs ist es Zeit, mit solchen
Dingen aufzuräumen. Das hat ein junger britischer Kollege,
Christopher Clark, übernommen, dessen Wilhelm-Biographie (Wilhelm
II. Die Herrschaft des letzten deutschen Kaisers, München: DVA 2008. 414
S., 24.95 €) nun endlich auf
deutsch erschienen ist. Die Erwartungen an Clark waren groß, gerade nach
dessen fulminantem Preußen-Buch aus dem Jahr zuvor. Der Autor kann sie
(gerade vor dem Hintergrund des Röhl-Wälzers) erfüllen. Natürlich muß er
sich oft auf Röhl beziehen, dessen Sammelwut bezüglich der Quellen
unbestritten ist, aber er tut dies kaum je ohne höfliche, aber treffende
Kritik. Etwa zur Frage, ob Wilhelm „psychisch gestört“ war und wenn ja,
warum. Im Gegensatz zur allgemeinen Überzeugung von der herzlosen Mutter
und deren Versuchen, den gelähmten Arm zu kompensieren (was ja auch
gelang), sah Röhl die Ursache bereits in den Umständen der Geburt. Clark
schreibt: „In dem wohl ausführlichsten Exkurs in das Feld der
Geburtshilfe, der je in einem historischen Buch abgedruckt wurde, hat
Röhl detailliert die Umstände der Entbindung rekonstruiert und plädiert
für die Auffassung,
daß Wilhelm während der Geburt für kurze Zeit keinen
Sauerstoff bekam und infolgedessen mit einem ‚leichtgradigen
Hirnschaden’ zur Welt kam (…).“ Dies, so Clark weiter, stütze
sich auf „diagnostische Vermutungen, die – wie Professor Röhl wohl
selbst einräumen würde – in ihrem Ursprung umstritten sind“.
Erledigt.
Daß Röhl eine Vorliebe für die „Schlüssellochperspektive“ hat, wird auch im abschließenden Band deutlich. Aber der Kern, das weiß auch Röhl, ist die Kriegsschuldfrage. Röhl behauptet felsenfest: „Heute steht die Hauptverantwortung der deutschen und österreichischen Regierungen für die Herbeiführung des großen Krieges im Juli 1914 nicht mehr in Frage (…).“ Ist das so? Röhl scheint in einem eigenen Kosmos zu leben, denn das Gegenteil ist der Fall. Die im Zuge von 68 hochgejubelte These Fritz Fischers steht wackliger da denn je. Erinnert sei nur an das Buch Der falsche Krieg von Niall Ferguson (dt. 2001), der England als die kriegstreibende Macht herausstellt, und eben die Wilhelm-Biographie von Clark (engl. 2000). Ersteres ist Röhl keine Erwähnung wert, aus letzterem wird zitiert, wenn es um die Frage geht, ob Kanzler Bülow den Kaiser langfristig beherrschen konnte. Clark hingegen hält die Augen offen: „In der Literatur über diese Periode und im allgemeinen, heutigen Bewußtsein ist die verblüffende Tendenz zu beobachten, die Angelegenheit aus englischer Sicht zu betrachten, implizit die Vorstellung zu akzeptieren, daß die britische, koloniale Ausdehnung und die britischen Auffassungen vom Recht der Briten eine ‚natürliche Ordnung’ bildeten, in deren Licht die deutschen Proteste [hier ist die Krüger-Depesche gemeint]offensichtlich mutwillige Provokationen waren.“ Dieser nüchterne Blick auf die Dinge kann dann auch erkennen, daß Wilhelm II. am Ausbruch des Ersten Weltkriegs unschuldig ist, er ihn bis zum Schluß nicht gewollt hat.
Für die eigentlich selbstverständliche Feststellung Clarks, daß „erst
der Kontext … einem Sprechakt eine bestimmte Bedeutung“ verleihe
und die „zugehörige Motivation“ begreiflich mache, finden sich
in dem Buch von Eberhard Straub (Kaiser Wilhelm II.
in der Politik seiner Zeit. Die Erfindung des Reiches aus dem Geiste der
Moderne, Berlin: Landt 2008. 378 S.,
34.90 €) schöne Beispiele. Wenn Wilhelm
1892 in das Goldene Buch der Stadt München schreibt: Der Wille des
Königs sei das höchste Gesetz, meinte er nicht sich selbst, wie gern
geglaubt wird, sondern er spielt auf die Situation in Bayern an, wo nach
der Entmündigung Ludwig II. die Monarchie akut gefährdet war. Insgesamt
handelt sich bei Straubs Buch um einen polemischen Essay, der nicht die
Spur eines Schattens auf die Persönlichkeit des Kaisers fallen läßt.
Offenbar möchte der Autor mit einem möglichst brachialen Angriff in den
antiwilhelminischen Konsens einbrechen, in der Hoffnung, am Ende der
Auseinandersetzung eine Korrektur herbeigeführt zu haben. Straub sieht
in den 25 Jahren vom Regierungsantritt Wilhelms bis zum Vorabend des
Ersten Weltkriegs 1913 die großartigste Epoche, die Deutschland in
seiner jüngeren Geschichte erlebt hat. In Wissenschaft, Technik und
Wirtschaft, auch in der Kunst gab es einen nie gekannten Aufschwung.
Hinzu kommt, daß diese Ära sicher die Zeit der größten persönlichen
Freiheit war, die es je gegeben hat. Das haben vor Straub schon andere
festgestellt, etwa Golo Mann und Karl Jaspers, aber es ist in
Vergessenheit geraten. Straub stellt den großen Anteil heraus, den
Wilhelm II. an dieser Blüte hatte.
In Straubs Eloge wird noch etwas deutlich: Es handelte sich beim
„Wilhelminismus“ um ein eminent modernes Phänomen. Der Kaiser war kein
Autokrat, aber eben auch kein „Frühstückspräsident“. Er war so etwas wie
eine überparteiliche Instanz, die als preußischer König von Gott als
Kaiser wohl lediglich historisch legitimiert den gesellschaftlichen
Ausgleich herbeiführen wollte und oft auch konnte. Das System hatte die
Vorzüge, die man heute an Präsidialdemokratien oder konstitutionellen
Monarchien beobachten kann: Es hatte ein Zentrum, an dem der
Parteienstreit ruhte (selbst die Sozialdemokraten machten da selten eine
Ausnahme). Deutschland war ein junger Nationalstaat mit einem „Demokraten
auf dem Thron“ (Straub): Ohne den Reichstag konnte er nichts, gegen
das Volk wollte er nichts unternehmen. Was seine Minister und Berater
betrifft, war das Verhältnis von Fall zu Fall sehr verschieden. Der
Kaiser hatte sicher so etwas wie eine „Richtlinienkompetenz“, doch die
Richtlinie stand nicht fest und war von den Leuten abhängig, die „Zugang
zum Machthaber“ (Carl Schmitt) hatten aber das war in England nicht
anders. Deshalb ist eine These von Straub problematisch: Seiner Meinung
nach haben die Bismarck- und später die Hindenburgdeutschen den Kaiser
systematisch demontiert. Mit Blick auf die Alliierten, die den Krieg ja
gewonnen haben, wird man dagegen zu der Einsicht gelangen müssen, daß
der Kaiser zu „gut“, zu „deutsch“, zu „ehrlich“ war, um diese
Auseinandersetzungen gewinnen zu können.
Das spricht vielleicht für den
Menschen Wilhelm, sicher aber gegen den Kaiser.
(Dr. Erik Lehnert. Aus:
Sezession Nr. 27/Dez. 2008, S. 32f)
Dr. Erik Lehnert, 1975, studierte Philosophie, Geschichte sowie Ur- und Frühgeschichte,
promoviert in Philosophie.
Verheiratet, vier Kinder. Letzte Buchveröffentlichung:
„Die Existenz als Grenze des Wissens.
Grundzüge einer
Kritik der Philosophischen Anthropologie bei Karl Jaspers“, Würzburg 2006
